Texte > Ex pluribus unum - Die Welt des Martin Gredler
Tina Teufel

Wie Nektar und Ambrosia scheinen Farben und jene Enzyklopädie an Sujets zu sein, die Martin Gredlers (künstlerisches) Lebenselixier bilden. Parallel zu seinem umfangreichen malerischen Oeuvre entstehen zahlreiche Arbeiten auf Papier (mit Tusche, Aquarell, Bleistift, Druckgrafik …), welche die Gemälde auf Leinwand vorwegnehmen, zum Teil Studien, zum Teil selbständige Werke sind, die einen ähnlichen Formenkanon in sanfterer Farb- und Bildsprache präsentieren.

Das hier in einer Auswahl präsentierte Konvolut kann auch als „externes Gehirn“ Martin Gredlers verstanden werden – eine Zwischenbilanz seines lauten Denkens, mit Hilfe dessen er seinen konzeptuellen und kompositorischen Anspruch bedient.

Im Gegensatz zur üppigen, farb- und formenintensiven Malerei, die mitunter Rokoko-artige Ausmaße annimmt, wirken die Arbeiten auf Papier reduziert, auf das Wesentliche zurechtgestutzt.

Sie sind Anlass für Neues, visueller Thesaurus für das umfangreiche bildnerische Vokabular, aus dem Gredler basierend auf der eigenen Erfahrung und Herkunft stetig schöpft, es aber ebenso hegt, pflegt und erweitert: Tiere (Affen, Bartgeier, Wellensittiche, Ziegen), Menschen (Selbstbildnis, Familienmitglieder, Freunde), Pflanzen (Amaryllis, Protea, Blumenarrangements), Obst (Äpfel), Essen (Wurstsemmeln, Semmeln, Eier), Gegenstände (Sessel, Bücher, Wärmflaschen), Kleidung (Schuhe, Schürzen), Gebäude (Kirchen, Hochhäuser,Festung Hohensalzburg) und viele mehr.

Martin Gredler erzählt jedoch keine Geschichten, sondern offeriert Assoziationsschemata, die in ihrer Fülle seine Welt repräsentieren, aber ebenso als einzelne Bilder funktionieren. Die Elemente, die Flut an Gegenständen, Wesen, Alltäglichem werden zum Refrain. In diesem Sinne versteht er sich als Rhapsode – die „Urstoffe“ seiner Werke entsprechen Fragmenten epischer Dichtung, die er in unterschiedlicher, aber immer festlicher Weise malerisch vorträgt. Das Gegenständliche ist die Sprache, die formale Umsetzung der Dialekt, mit dem Martin Gredler seine (Gedanken)Welt präsentiert.

Aufgebrochen werden die dichten Bilder durch abstrakte Elemente. Sie erlauben neben der Fülle des Gegenständlichen eine Reduktion auf das Gestische, reizvolle Gegenüberstellungen mit fast leeren Flächen, die Dissolution von sich bewegenden Körpern in pure Dynamik aus teilweise durchscheinender Farbe und ermöglichen der Komposition eine schier endlose Tiefe.

Trotzdem Martin Gredler die von ihm so benannte „Heiligkeit des Büttenpapiers“ konterkariert und zu demontieren sucht, spielt es eine wichtige Rolle nicht nur als Bildträger, sondern auch als malerisches Mittel ist es in seiner Struktur und Tönung mit für die Wirkung des Bildes verantwortlich.

Lasierende Farbschichten lassen das Papier durchscheinen oder überlagern sich zu neuen Formen, bilden Raum und Volumina ohne aufzutragen. Im Pastell, das er nach vielen Jahren wieder aufgreift, wechseln sich zuweilen kompakte und transluzente Farbkomposition ab, um sich ein paar Blätter später wieder zu einem Farbcrescendo zu verdichten, welches aber trotz des üppigen Farbauftrags bedingt durch die Wahl der Technik einen gewissen Grad an Leichtigkeit beibehält.

Vordergründig ist Martin Gredler also ein Maler realistischer Darstellungen, tiefgründig ein „Geschichtenschreiber“, der aus Facetten seines Lebens, seines (Selbst)Verständnisses von der Welt, seiner Gefühlswelt neue Erzählungen kreiert und ihnen somit neues Leben einhaucht. Sein hoher formaler und intellektueller Anspruch sprengt auf dynamischem Wege Darstellungs- und Sehgewohnheiten, bricht Grenzen des Gegenständlichen auf und führt zu einer Bildkomposition, in der nichts so bleibt, wie es eingangs scheint.