Texte > Atelierbesuch bei Martin Gredler
Ulrike Guggenberger, Mai 2011

Die Schwelle ist überschritten, die Alltagswelt vor der Eingangstüre zurückgeblieben. Mannshohe Draht- und Papierobjekte, Stapel von Papierbögen, Ölbilder an die Wand gelehnt, gehängt, Utensilien aller Art.

Mit dem Eintreten in den Atelierraum beginnt Annäherung und Suche nach Begreifen, nach Einordnung, nach Orientierung.

In der Begegnung mit einem bildnerischen Werk setzt im Betrachter ein individueller Wahrnehmungsprozess ein: der Wunsch nach Verstehen und Erkennen, Freude sich darin wiederzufinden oder die gespürte Ablehnung des Unbegreiflichen, schließlich ein Vergleichen mit anderen Kunstwerken.

Um sich als Wesen innerhalb der Welt zu erleben, bedarf es notwendig der Bilder, der Sprache, der Musik. Über die Sinne Sehen, Hören, Tasten, Riechen findet der Zugang über den vordergründigen Schein hinaus statt.

Geist und Körper verlangen danach, Transzendenz sinnlich zu erfahren, bringen bildhafte Objekte hervor. Über das Seiende sprechen und schreiben reicht nicht aus, es braucht eine zweite, eine dritte Dimension, die Fläche, den Raum.

Transzendenz ereignet sich in der Hingabe an die Erfahrung der Erscheinungen, an die Form der Ästhetik.

Als „Objekte im Raum“, als „Lesezeichen“, als „Verweise auf Dinge in den Bildern“ bietet Martin Gredler bildhafte Orientierungsräume an.

Sein Bilder- und Objektkosmos gründet in einer zutiefst existentiellen Haltung dem So-Seienden gegenüber. Im erschaffenden Tun entwirft und visualisiert Martin Gredler eine Philosophie des Sehens und Begreifens. In seinem Werk eröffnen sich Seinsräume, gehen ineinander über, zeigen sich fortdauernd als das eine Seiende, sprechend, schreibend, ge-staltend, Form findend - aus einem drängenden Bedürfnis zu formulieren. Gleichzeitig getragen von der Gewissheit: Das Leben aber ist nicht beschreibbar, nur erlebbar, in den Dingen, in der Natur, in den Geschöpfen der Welt. Das Objekt muss sich aus sich selbst erklären.

Die Synthese ereignet sich im Sein und Vermitteln, im Leben und im schaffend Ergründen. Sein kehrt sich vermittelnd nach außen, setzt sich dem Anderen, dem Gegenüber aus, hinterfragt nicht, muss so sein, genügt sich, erlebt sich als Teil des Ganzen, des Einen.

Sehen, wahrnehmend begreifen, erfahren, spüren – schon immer im Mythos, im Ritual. Im Tun tauchen Bilder auf, materialisieren sich. „Weil wir es wollen, weil wir es können, weil es schön ist, malen, schreiben oder reden wir es uns aus der Seele“, beschreibt Martin Gredler sein Tun, und so ereignet es sich in seiner Werkstatt als einem Raum des Möglichen. Ein Raum dinghaft surrealistisch erscheinender Objekte. Blühendes und Verfall, Befremdliches und Nahes, Wucherndes und Totes, Berührendes. Es geht um Begeisterung, um die Dynamik des Eigenen, um sich verselbständigende Materie, um das Eine in seiner unterschiedlichen Gestalt. Das Eine lässt sich vielgestaltig wahrnehmen, vom Menschen, wie auch von allen anderen Geschöpfen auf der Erde. Martin Gredlers Werke agieren nicht als zusätzliche Sinnträger, er schöpft aus allem was da ist, aus der Welt, wie sie sich ihm zeigt. Seine Arbeiten sind seine Zeugen. Wesen und Gestalt des Objektes muss sich aus sich selbst erklären.

Das Kind Martin Gredler erklärte sich die Welt unvermittelt aus den ihn umgebenden Dingen, der Gegenstand selbst erfasste ihn mehr als jedweder Versuch einer Erklärung. So auch heute, jeden Tag wieder. „Es ist alles da und es ist immer da“.

Parabel

In ferner Zeit lebte ein Edelmann, der sich gerne in seinen gläsernen Turm zurückzog. Um völlig ungestört zu sein, errichtete er um sein Anwesen eine Mauer. Als er verstarb wollte man ihn ehren und benannte die Mauer nach ihm.

Fürderhin kam regelmäßig viel Volk herbei um die Mauer zu bewundern.